"Danke Kumpel"

Tausende nehmen Abschied von der Steinkohle

An fünf Orten in Nordrhein-Westfalen haben mehr als 10.000 Menschen an den Feierlichkeiten zur Verabschiedung des deutschen Steinkohlebergbaus teilgenommen. Es sind noch einige Wochen bis zum 21. Dezember. Der Tag, an dem in Bottrop die letzte deutsche Steinkohle gefördert wird. Trotzdem sind der Einladung der RAG bereits an diesem Wochenende Tausende Menschen gefolgt, um sich vom deutschen Steinkohlebergbau zu verabschieden. An fünf Zechenstandorten hat die RAG zum vorgezogenen Abschied Bürgerfeste veranstaltet – in Bottrop und Ibbenbüren, den Standorten der beiden letzten aktiven Bergwerke sowie in Essen, Dinslaken und Hamm.

Markus Feger

Über 2.500 Menschen haben an den Feierlichkeiten auf der Zeche Zollverein teilgenommen. Über 2.500 Menschen haben an den Feierlichkeiten auf der Zeche Zollverein teilgenommen.
05.11.2018
  • Von: Leo Kölzer
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Auf Zollverein in Essen waren alleine mehr als 2.500 Menschen. Unter ihnen auch Franz Grafen. Er hat 32 Jahre im Bergbau gearbeitet und ist seit zehn Jahren im Ruhestand. Zuletzt war er auf der Zeche in Walsum als Steiger tätig. „Es macht mich traurig und ich kann es immer noch kaum glauben. Aber nach 10 Jahren nehme ich jetzt wohl endgültig Abschied.“ Tiefe Verbundenheit ist gleichwohl ein ganz starkes Gefühl. „Bist du einmal Bergmann, bleibst du immer Bergmann.“

Markus Feger

„Bist du einmal Bergmann, bleibst du immer Bergmann", sagt Franz Grafen. „Bist du einmal Bergmann, bleibst du immer Bergmann", sagt Franz Grafen.

Solche Stimmungen kann Michael Vassiliadis, Vorsitzender der IG BCE, auch persönlich gut nachempfinden. Sein Vater kam in den 60er-Jahren als Einwanderer von Griechenland nach Essen und war dann selbst von den ersten Rückbaumaßnahmen im Steinkohlenbergbau betroffen. Auf Zeche Zollverein spricht Vassiliadis zum einen über Wehmut: „Das ist natürlich traurig.“ Aber es freue ihn auch, dass am Ende des Jahres niemand ins Bergfreie falle. „An dieser Stelle will ich mich bei meinen Bergleuten bedanken, bei den Unternehmen, aber auch bei der Politik", sagte Vassiliadis. „Das hat keine andere Gewerkschaft, keine Industrie und keine andere Region vorher schon einmal geschafft. Darauf können Essen, das Ruhrgebiet, die RAG und die IG BCE stolz sein.“

Markus Feger

Michael Vassiliadis, IG-BCE-Vorsitzender: „An dieser Stelle will ich mich bei meinen Bergleuten bedanken, bei den Unternehmen, aber auch bei der Politik."

Es gab viele Höhepunkte auf den Abschiedsfesten im Revier. Zu ihnen zählte die Kurzversion der Filmdokumentation „Der lange Abschied von der Kohle“. Auf großen Leinwänden folgten die Besucher den bewegenden Erzählungen der Kumpel. Der Film zeigt, wie sehr sich die Männer mit ihrer Arbeit unter Tage identifizierten. Dabei fallen immer wieder die Begriffe Respekt, Verlässlichkeit, Gemeinschaftsgeist und Gleichheit.

Nejat Karpuzs Gedanken drehen sich vor allem um die wegfallenden Arbeits- und Ausbildungsplätze in der Region. „Der Strukturwandel stellt die betroffenen Regionen vor enorme Herausforderungen.“ Seit 1988 arbeitet Nejat im Bergbau. Er kümmert sich um den Arbeitsschutz und ist im Betriebsrat tätig. „Es macht mich aber auch stolz zu sehen, wie viele Menschen hierhergekommen sind. Diese Unterstützung ist spürbar und das tut gut“, sagt Nejat.

Markus Feger

Nejat Kapuz (Zweiter von links): "Diese Unterstützung ist spürbar und das tut gut.“ Nejat Karpuz (Zweiter von links): "Diese Unterstützung ist spürbar und das tut gut.“

Das Ende der Förderung in Deutschland verändere nicht nur die Regionen. Früher oder später falle da auch menschlich viel weg, sagt Michael Lukas. Er arbeitet in der vierten Generation im Bergbau und ist seit 2013 Prozessberater auf dem Bergwerk Prosper-Haniel. „Geschichtlich wird es immer etwas zu lesen geben, aber wie lange gibt es den Menschen, der aus eigenen Erfahrungen berichten kann?“

Harald Sikorski hat gemeinsam mit seiner Frau das Fest auf Zeche Zollverein besucht. Und selbstverständlich ist auch er sehr berührt. „Weil ich selbst im Bergbau gelernt und gearbeitet habe“, sagt der IG-BCE-Landesbezirksleiter in Westfalen. „Es geht ein Stück deutsche Geschichte zu Ende.“

Markus Feger

Knappenvereine und Chöre stimmten auf allen Besucherfesten zeitgleich das Steigerlied an. Knappenvereine und Chöre stimmten auf allen Besucherfesten zeitgleich das Steigerlied an.

Mit Einbruch der Dunkelheit wurde es dann nochmal besonders stimmungsvoll. Auf allen Besucherfesten waren Knappenvereine und Chöre da. Zeitgleich stimmten sie das Steigerlied an und entzündeten Fackeln. Ulrike Hiddemann war bis 2014 als freigestellte Betriebsrätin in der RAG-Hauptverwaltung in Herne angestellt. Mit Tränen in den Augen hat sie lauthals mitgesungen. Ihre Gefühllage kann sie kaum in Worte fassen. „Ich bin so gerührt und heute einfach sehr traurig.“

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